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/// Interview

Jammern ist keine Strategie!

Mit klaren Worten beschreibt Robert Mülleneisen die aktuelle Lage des Ofenbau-Handwerks zwischen wirtschaftlichem Druck, politischen Rahmenbedingungen und strukturellen Herausforderungen. Im Gespräch geht es um Marktrealitäten, kommunikative Defizite der Branche sowie um die Frage, wie sich Betriebe strategisch und gemeinschaftlich für die Zukunft positionieren können.

K&L-Magazin: Die Frage an Sie als Vorsitzender, wenn Sie ehrlich sind – wie geht es dem Ofenbau-Handwerk gerade wirklich?

Robert Mülleneisen: Ehrlich? Zwiegespalten. Es gibt Betriebe, die sich in den letzten Jahren gut entwickelt haben. Die sich modernisiert, spezialisiert, professionalisiert haben. Und es gibt Betriebe, die kämpfen. Der Markt war volatil, die Konjunktur unsicher, die politischen Rahmenbedingungen haben sich in kurzer Zeit mehrfach gedreht. Das hinterlässt Spuren. Aber ich wehre mich dagegen, daraus eine Erzählung des Niedergangs zu machen.

Die Branche hat Substanz. Echte Substanz. Und wer heute jammert, übersieht, welche Chancen gerade entstehen..

K&L-Magazin: Sie sprechen von Chancen. Viele Ihrer Mitglieder erleben gerade das Gegenteil – Auftragsflaute, Fachkräftemangel, Bürokratie. Was meinen Sie konkret?

Robert Mülleneisen: Das Gebäudeenergiegesetz. Das neue GEG. Ich weiß, der Name allein löst bei manchen Schnappatmung aus – weil die Debatte der letzten Jahre so aufgewühlt und oft so ungenau war. Vieles wurde gesagt, was nicht stimmte. Vieles wurde befürchtet, was nicht eingetreten ist. Aber wenn man sich das Gesetz nüchtern anschaut, dann ist es für uns keine Bedrohung. Es ist eine Einladung. Strom wird teurer. Strom wird knapper. Die vollständige Elektrifizierung der Wärmeversorgung stößt an ihre Grenzen – technisch, netzseitig, gesellschaftlich. Wärmepumpen sind eine gute Lösung für viele Situationen. Aber eben nicht für alle. Und genau in dieser Lücke stehen wir. Mit Kachelöfen, Kaminöfen, Grundöfen, Kaminanlagen – mit Wärme, die anders ist.

Wir haben eine starke Geschichte zu erzählen – und wir erzählen sie zu selten, zu leise, zu zögerlich.«

Robert Mülleneisen

K&L-Magazin: Anders – inwiefern?

Robert Mülleneisen: Strahlende Wärme ist keine Metapher. Sie ist Physik. Ein Kachelofen erhitzt nicht nur die Luft – er wärmt den Raum, die Wände, den Menschen. Das ist ein anderes Wohngefühl. Das ist Versorgungssicherheit, die man spürt. Und es ist Unabhängigkeit. Wer einen Kachelofen hat, ist nicht abhängig von einem überlasteten Stromnetz, von politischen Entscheidungen in fernen Hauptstädten, von Energiepreisen, die sich innerhalb eines Winters verdoppeln können. Das ist ein Argument, das heute wieder ankommt – bei Endkunden, die in den letzten Jahren sehr aufmerksam geworden sind.

K&L-Magazin: Aber nutzt die Branche dieses Argument auch? Kommuniziert sie es offensiv genug nach außen?

Robert Mülleneisen: Nein. Das ist einer der Punkte, die mich am meisten beschäftigen. Wir haben eine starke Geschichte zu erzählen – und wir erzählen sie zu selten, zu leise, zu zögerlich.Der Endkunde sucht heute online. Er informiert sich, vergleicht, entscheidet. Wenn wir dort nicht sichtbar sind – mit starken Argumenten, mit klaren Botschaften, mit qualifizierten Betrieben, die auffindbar sind – dann verlieren wir diese Entscheidung, bevor das erste Gespräch stattgefunden hat. Nicht weil unser Produkt schlechter ist. Sondern weil wir schlicht nicht da sind, wo der Kunde sucht. Das ist kein Kommunikationsproblem. Das ist ein Haltungsproblem.

K&L-Magazin: Ein hartes Urteil. Was meinen Sie damit?

Robert Mülleneisen: Ich meine, dass viele Betriebe – und ich sage das mit aller Wertschätzung, aber auch mit aller Klarheit – noch immer davon ausgehen, dass gute Arbeit sich von selbst herumspricht. Das stimmt manchmal noch. Im Bekanntenkreis, im Dorf, vereinzelt in der Region. Aber der Markt, in dem wir uns bewegen, hat sich verändert. Wer heute nicht aktiv kommuniziert, wer nicht zeigt, was er kann, wer nicht erklärbar macht, warum sein Handwerk besser ist als die Alternative – der wird nicht gesehen. Und unsichtbare Betriebe haben keine Auftragslage. Die haben ein Existenzproblem.

K&L-Magazin: Was kann der Verband dagegen tun – und was muss er tun?

Robert Mülleneisen: Der Verband kann Plattformen schaffen, Botschaften entwickeln, po-litische Rückendeckung organisieren, Kooperationen mit Partnerverbänden aufbauen. Das tun wir – über Initiativen wie ofenzukunft.de, über die Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsvereinigung Gebäude und Energie, dem ZVSHK und den Innungen. Wir entwickeln gemeinsame Argumente, die beim Endkunden ankommen.

Aber – und das ist entscheidend – ein Verband ist kein Dienstleister, der Probleme stellvertretend löst. Ein Verband ist eine Gemeinschaft. Und Gemeinschaften funktionieren nur, wenn alle mitmachen. Wir können die beste Infrastruktur aufbauen – wenn die Mitglieder sie nicht nutzen, verpufft alles.

Unser Handwerk hat eine Zukunft, die heller ist, als viele gerade glauben. Aber diese Zukunft passiert nicht von selbst. Wir müssen sie bauen.«

Robert Mülleneisen

K&L-Magazin: Sie sprechen das Thema Mitgliedschaft direkt an. Wie hoch ist aktuell die Abdeckung der deutschen Ofenbauer im GVOB?

Robert Mülleneisen: Nicht hoch genug. Das ist meine ehrliche Antwort. Ich habe mir ein ambitioniertes Ziel gesetzt: 95 Prozent aller deutschen Ofenbauer im Gesamtverband zu vereinen. Das klingt utopisch – aber es ist die logische Konsequenz aus dem, woran ich glaube.

Je größer unsere Gemeinschaft, desto lauter unsere Stimme in Berlin. Desto schlagkräftiger unsere Kampagnen. Desto glaubwürdiger unsere Botschaft an Endkunden. Desto attraktiver werden wir für Nachwuchs. Alle Argumente zeigen in dieselbe Richtung: Gemeinsam sind wir stärker. Das ist keine Floskel. Das ist Mathematik.

K&L-Magazin: Stichwort Nachwuchs. Der Fachkräftemangel ist branchenübergreifend ein Dauerthema – im Ofenbau besonders. Wie ernst ist die Lage?

Robert Mülleneisen: Sehr ernst. Und sie ist nicht nur ein quantitatives Problem – also zu wenige Menschen, die sich für diesen Beruf entscheiden – sondern auch ein strukturelles. Das Handwerk wird in unserer Gesellschaft noch immer unterschätzt. Wir bilden junge Menschen für akademische Wege aus und vergessen dabei, dass es das Handwerk ist, das die Welt zusammenhält. Wortwörtlich. Ich schaue manchmal nach Japan, wenn ich über dieses Thema nachdenke. Dort sind Handwerksmeister – die sogenannten Takumi – gesellschaftlich geachtet wie Professoren oder Ärzte. Wer sein Handwerk über Jahrzehnte perfektioniert, genießt Respekt und Ansehen. Die japanische Gesellschaft hat begriffen: Handwerk ist Kultur. Handwerk ist Identität. Es ist unersetzlich. Dieses Bewusstsein brauchen wir auch hier. Nicht als Romantik – sondern als gelebte Haltung.

K&L-Magazin: Und Künstliche Intelligenz? Die Digitalisierung verändert Berufsbilder in vielen Branchen fundamental. Ist das Ofenbauer-Handwerk immun dagegen?

Robert Mülleneisen: Immun ist das falsche Wort. Unersetzbar ist das richtige. Niemand lässt sich von einem Algorithmus eine Feuerstätte planen. Niemand wärmt sich an einem digitalen Kaminfeuer. Die Verbindung von Kopf und Hand, die unsere Arbeit ausmacht – das individuelle Planen für jedes Haus, jede Situation, jeden Kunden – das kann keine KI replizieren. Kein Roboter setzt Schamottesteine so, wie ein Meister mit zwanzig Jahren Erfahrung es tut. Aber – und das sage ich genauso deutlich – das ist kein Freifahrtschein für Stillstand. Gerade weil unser Handwerk nicht ersetzbar ist, müssen wir die Besten sein. Weiterbildung ist keine Pflicht, die man absitzt. Sie ist eine Investition – in den Betrieb, in die eigene Zukunft. Wer heute den Anschluss hält, wird übermorgen gefragter sein als je zuvor.

K&L-Magazin: Zum Abschluss: Was ist Ihre persönliche Botschaft an die Mitglieder – an die, die schon dabei sind, aber vielleicht müde sind – und an die, die noch am Rand stehen?

Robert Mülleneisen: Den Erschöpften sage ich: Ich verstehe euch. Die Lage ist nicht einfach. Der Markt, die Politik, die Bürokratie – das zermürbt. Das ist real, und ich erkenne es an. Aber ich werde nicht akzeptieren, dass Jammern zur Haltung wird. Jammern kostet dieselbe Energie wie Handeln – nur ohne Ergebnis. Wir haben gesehen, was möglich ist, wenn wir gemeinsam anpacken. Die World of Fire Places in Leipzig hat unser Handwerk auf eine internationale Bühne gestellt. Das war kein Zufall. Das war das Ergebnis von Menschen, die sich eingebracht haben, ohne nach Applaus zu fragen.

An die, die noch am Rand stehen: Kommen Sie rein. Wir brauchen Sie – nicht irgendwann, sondern jetzt. Jede Stimme zählt. Jede Mitarbeit bewegt etwas. Und am Ende ist es einfach: Wer mitmacht, gestaltet. Wer zuschaut, nimmt hin. Unser Handwerk hat eine Geschichte, die Jahrhunderte zurückreicht. Und es hat eine Zukunft, die heller ist, als viele gerade glauben. Aber diese Zukunft passiert nicht von selbst. Wir müssen sie bauen.

Foto: GVOB

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