Treffpunkt Taunusstein: rund 60 Teilnehmer waren bei der Jahreshauptversammlung der Innung Hessen mit vor Ort.
Die Jahreshauptversammlung der Innung Hessen der Kachelofen- und Luftheizungsbauer bot Anfang Mai diesen Jahres weit mehr als den formalen Rahmen für die verbandlichen Regularien. Die Veranstaltung entwickelte sich zu einem intensiven Austausch über technische Neuerungen, wissenschaftliche Erkenntnisse und wirtschaftliche Perspektiven des Ofenbauer-Handwerks.
I m Mittelpunkt standen die neue europäische Produktnorm DIN EN 16510, aktuelle Fördermöglichkeiten zur Mitarbeiterqualifizierung, neue Forschungsergebnisse zu handwerklich errichteten Grund- und Speicheröfen sowie eine offene Diskussion über die Rolle der Hagos in einem sich wandelnden Markt.
Innungsobermeister Thomas Schwarzkopf begrüßte dazu rund 60 Teilnehmer in Taunusstein. Bereits zu Beginn wurde deutlich, wie wichtig der persönliche Austausch innerhalb der Branche gerade in wirtschaftlich und politisch herausfordernden Zeiten bleibt.
DIN EN 16510: Neue Regeln für Planung und Ausführung
Einen fachlichen Schwerpunkt setzte Guido Michel (Brunner), mit seinem Vortrag zur neuen europäischen Produktnorm DIN EN 16510. Die seit Ende 2025 geltende Norm ersetzt die bisherigen Prüfgrundlagen für Feuerstätten und definiert umfassend, welche Sicherheits- und Leistungsdaten Hersteller künftig durch akkreditierte Prüfstellen nachweisen und dokumentieren müssen.
Michel erläuterte, dass es sich dabei in erster Linie um eine Prüfnorm für Hersteller handelt. Für das Handwerk sind insbesondere die daraus resultierenden Herstellerangaben von Bedeutung, die künftig eine deutlich präzisere Grundlage für Planung, Auslegung und Ausführung schaffen sollen. Ausführlich ging er auf Fragen des Brandschutzes, der Sicherheitsabstände sowie auf den Umgang mit Ersatzdämmstoffen ein.
Die gesamte Branche leidet derzeit unter einem deutlich geringeren Marktvolumen. Nach den außergewöhnlich starken Jahren während der Energiekrise hat sich die Nachfrage spürbar abgeschwächt.«
Ein zentrales Thema war die Unterscheidung zwischen Strahlungsschutz und Funkenschutz. Entscheidend sei, ob ein Bauteil tatsächlich vom Strahlungskegel der Feuerstätte erfasst werde. In diesen Bereichen müssten brennbare Baustoffe entsprechend geschützt oder ersetzt werden. Wird ein Bereich hingegen nicht direkt von Wärmestrahlung beaufschlagt, könne unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin ein klassischer Funkenschutz ausreichend sein. In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die neue Norm zwar zusätzlichen Erklärungsbedarf mit sich bringt, langfristig jedoch zu mehr Einheitlichkeit und Planungssicherheit beitragen kann.
Förderprogramme als Unterstützung für das Handwerk
Dorothee Djassemy vom Arbeitgeberservice der Bundesagentur für Arbeit stellte kompakt die wichtigsten Fördermöglichkeiten für Weiterbildung und Neueinstellungen vor. Gerade kleinere Betriebe können unter bestimmten Voraussetzungen Zuschüsse zu Lehrgangskosten und Arbeitsentgelten erhalten. Auch bei der Einstellung von Quereinsteigern oder Bewerbern mit erhöhtem Einarbeitungsbedarf stehen Förderinstrumente zur Verfügung.
Speicheröfen wissenschaftlich untersucht
Besonderes Interesse fand der Vortrag von Prof. Dr. Hartmann vom Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ). Nach einer Einordnung der aktuellen Anforderungen an emissionsarme Holzfeuerungen stellte er vor allem eine vom Verein 850 Grad – Handwerklicher Ofenbau e.V. initiierte Studie zur Leistungsfähigkeit handwerklich errichteter Grund- und Speicheröfen vor.
Ziel der Untersuchung war es, die häufig genannten Vorteile dieser Feuerstätten mit belastbaren Messdaten wissenschaftlich zu untermauern. Hierzu wurde in einem modernen Wohnhaus zunächst über eine komplette Heizperiode ein konventioneller Kaminofen betrieben und messtechnisch überwacht. In der darauffolgenden Heizperiode ersetzte ein handwerklich errichteter Grundofen das Gerät. Beide Systeme konnten so unter identischen Randbedingungen direkt miteinander verglichen werden.
Die Ergebnisse zeigten, dass sich die Emissionen beider Feuerstätten auf vergleichbarem Niveau bewegten. Deutliche Unterschiede ergaben sich jedoch beim Wärmeverhalten. Während ein konventioneller Kaminofen regelmäßig mit kleineren Holzmengen nachgelegt werden musste und stärkere Temperaturschwankungen verursachte, genügte beim Speicherofen ein täglicher Abbrand von rund 7,5 Kilogramm Holz, um über viele Stunden eine gleichmäßige und behagliche Strahlungswärme bereitzustellen.
Besonders auffällig war die deutlich geringere Temperaturschichtung im Raum. Durch die moderaten Oberflächentemperaturen und den hohen Strahlungswärmeanteil entstanden weniger Konvektionsströmungen. Die Wärme verteilte sich gleichmäßiger, ohne dass sich warme Luft unter der Decke sammelte. Der Bewohner berichtete, dass in dem sehr gut gedämmten Gebäude an manchen Tagen sogar auf einen täglichen Abbrand verzichtet werden konnte. Die Untersuchung liefert damit erstmals umfassende Praxismessungen, die zentrale Eigenschaften handwerklich errichteter Grund- und Speicheröfen wissenschaftlich bestätigen. Neben einer langanhaltenden Wärmeabgabe und hoher thermischer Effizienz wurde insbesondere der hohe Wohnkomfort als wesentlicher Vorteil herausgestellt.
Zwischen Stabilität und Veränderung
Im anschließenden Gespräch zwischen Günter Meurer und Guido Eichel (Vorstand Hagos) wurde offen über die aktuelle Marktsituation und die Rolle der Genossenschaft diskutiert. Ausgangspunkt waren die rückläufigen Umsätze der vergangenen Jahre sowie die Frage, welchen konkreten Mehrwert die Mitgliedschaft in wirtschaftlich schwierigen Zeiten bietet.
Eichel machte deutlich, dass die gesamte Branche derzeit unter einem deutlich geringeren Marktvolumen leidet. Nach den außergewöhnlich starken Jahren während der Energiekrise habe sich die Nachfrage spürbar abgeschwächt. Hinzu kämen politische Unsicherheiten, eine zurückhaltende Investitionsbereitschaft vieler Endkunden sowie der zunehmende Wettbewerb durch Direktvertrieb und Internetplattformen. Die Hagos spüre diese Entwicklung unmittelbar. Dennoch: die Genossenschaft sei trotz eines schwierigen Marktumfelds finanziell solide aufgestellt. Mit einer Eigenkapitalquote von 77 Prozent verfüge die Genossenschaft über eine stabile Basis. Ausführlich erläuterte Eichel, dass die Hagos weit mehr sei als ein reiner Einkaufsverbund. Das Leistungspaket umfasse unter anderem die flächendeckende Lagerhaltung, die kostenfreie Anlieferung, umfangreiche Serviceleistungen, Branchenwerbung sowie die wichte Interessenvertretung und Lobbyarbeit für das Ofenbauer-Handwerk. Darüber hinaus wurden strategische Ansätze diskutiert, um die Nachfrage nach handwerklich errichteten Feuerstätten wieder zu stärken. Gleichzeitig kündigte er an, bestehende Einkaufsmöglichkeiten so zu überarbeiten, dass das Handwerk als Genossenschaftsmitglied zukünftig noch mehr profitiert.
Hier geht es ausdrücklich nicht „um recht haben“, sondern es geht darum, dass wir eine Lösung finden und eine Möglichkeit haben mit der unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Herangehensweisen, unterschiedliche Lesearten, unterschiedliche Interpretationen auch nebeneinander existieren können.«
Das Gespräch machte deutlich, dass sich die Hagos in einem umfassenden Veränderungsprozess befindet. Bewährte Strukturen werden hinterfragt, neue Modelle geprüft und strategische Maßnahmen entwickelt, um die Genossenschaft und ihre Mitglieder auch in einem schwierigen Marktumfeld nachhaltig zu stärken. Guido Eichels zentrale Botschaft an die Mitglieder war eindeutig: Die Genossenschaft bleibt ein wirtschaftlich stabiler, leistungsfähiger und engagierter Partner des Ofenbauer-Handwerks.
Fachwissen, Forschung und Zusammenarbeit
Die Jahreshauptversammlung der Innung Hessen machte deutlich, dass das Ofenbauer-Handwerk über ein breites Fundament an technischem Know-how, wissenschaftlicher Unterstützung und starken Partnerschaften verfügt. Gerade die vorgestellten Forschungsergebnisse zu Grund- und Speicheröfen zeigten eindrucksvoll, welches Potenzial in handwerklich errichteten Feuerstätten auch unter modernen energetischen Rahmenbedingungen steckt.
Gleichzeitig wurde deutlich, dass Normung, Qualifizierung und Marktbearbeitung eng miteinander verknüpft sind. Die Veranstaltung vermittelte damit ein klares Signal: Die Branche verfügt über das Wissen, die Erfahrung und die Innovationskraft, um ihre Zukunft aktiv und selbstbewusst zu gestalten.
Foto: Jens Fischer
Innungsobermeister Thomas Schwarzkopf
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Guido Michel
Foto: Jens Fischer
Ingo Hartmann
Foto: Jens Fischer
Quo vadis, Hagos? Guido Eichel (links) stellte sich den Fragen von Günter Meurer (rechts).
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