Individuelle Gestaltung, handwerkliche Qualität und zeitloses Design – die Ofen-kachel gehört seit jeher zu den Markenzeichen des Ofenbaus. Dennoch wird ihr Potenzial in vielen Betrieben nicht vollständig ausgeschöpft. Norbert Müller er-läutert im Interview, welche Chancen in moderner Ofenkeramik stecken, welche Aufgaben Hersteller und Handwerk gemeinsam bewältigen müssen und warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist, die Kachel wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken.
K&L-Magazin: Herr Müller, viele Unternehmen der Feuerstättenbranche sprechen derzeit von einem herausfordernden Marktumfeld. Gilt das auch für den Bereich Ofenkacheln und Ofenkeramik?
Norbert Müller: Ja, das spüren wir durchaus. Allerdings muss man differenzieren. Im hochwertigen Segment werden nach wie vor sehr schöne Projekte umgesetzt. Dort ist die Nachfrage stabil und auch die Wertschöpfung für das Handwerk stimmt. Schwieriger ist die Situation im klassischen Brot-und-Butter-Geschäft. Genau diese solide Basis fehlt derzeit. Gemeint sind handwerklich gebaute Feuerstätten mit einer entsprechend vollkeramischen Verkleidung – also Anlagen, die früher einen wesentlichen Bestandteil des Marktes ausgemacht haben.
K&L-Magazin: Woran liegt diese Entwicklung Ihrer Meinung nach? Fehlt den Kunden das Budget?
Norbert Müller: Das würde ich so nicht sagen. Natürlich beobachten wir eine gewisse Kaufzurückhaltung, wie sie derzeit in vielen Branchen zu sehen ist. Grundsätzlich ist aber genügend Kaufkraft vorhanden. Viel entscheidender ist aus meiner Sicht, dass das Thema Ofenkeramik häufig gar nicht mehr aktiv genug vermittelt wird - oftmals für den Interessenten gar nicht sichtbar ist. Wenn eine keramisch verkleidete Feuerstätte nicht geplant oder angeboten wird, entscheidet sich der Kunde zwangsläufig auch nicht dafür.
Die Ofenkachel ist das Gesicht jeder Feuerstätte. Sie macht aus einem Ofen ein handwerkliches Unikat und ist damit eines der wichtigsten Alleinstellungsmerkmale unseres Berufs.«
K&L-Magazin: Welche Rolle spielt dabei die Ausstellung im Ofenstudio?
Norbert Müller: Eine sehr große. Ofenkeramik lebt von ihrer Wirkung. Farben, Oberflächen und Strukturen muss der Kunde sehen und anfassen können. Eine Kachel verkauft sich nicht über einen Katalog allein. Deshalb sind moderne, ansprechend gestaltete Ausstellungen und aktuelle Musterwände ein ganz wichtiger Baustein. Wenn dort überwiegend ältere Anlagen stehen oder die Keramikpräsentation seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurde, geht viel Potenzial verloren.
K&L-Magazin: Das heißt, die Präsentation entscheidet mit über den Verkaufserfolg?
Norbert Müller: Absolut. Eine moderne Ausstellung zeigt dem Kunden, welche gestalterischen Möglichkeiten heute bestehen. Sie vermittelt Kreativität und Kompetenz. Fehlt diese Inspiration, wird die keramische Feuerstätte oft gar nicht erst zum Gesprächsthema. Deshalb wünsche ich mir, dass das Handwerk das Thema Ofenkeramik wieder deutlich aktiver aufgreift und präsentiert. Davon profitieren letztlich alle – der Kunde, der Handwerksbetrieb und natürlich auch die Hersteller.
K&L-Magazin: Was macht die Ofenkachel aus Ihrer Sicht so besonders?
Norbert Müller: Die Kachel ist letztlich das Gesicht einer Feuerstätte. Ein Kachelofen oder Kachelkamin ist immer ein vom Handwerk individuell gestaltetes Unikat. Genau das unterscheidet ihn von vielen anderen Lösungen am Markt. Mit Form, Farbe und Oberfläche erhält jede Anlage ihren eigenen Charakter. Diese Individualität ist ein großer Wert – sowohl für den Kunden als auch für den Ofenbauer.
K&L-Magazin: Welche Verantwortung ergibt sich daraus für Sie als Hersteller?
Norbert Müller: Wir müssen den Betrieben zeitgemäße Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Das bedeutet, kontinuierlich neue Produkte und Oberflächen zu entwickeln, die den aktuellen Wohntrends entsprechen. Der Markt ist heute deutlich schnelllebiger geworden. Auch wenn ein Kachelofen 20 oder 30 Jahre im Wohnzimmer steht, verändern sich Farben, Formen und Designvorlieben wesentlich schneller als früher. Darauf müssen wir reagieren und unsere Entwicklungen entsprechend beschleunigen.
Wer Ofenkeramik im Studio nicht zeigt, wird sie auch nicht verkaufen. Sichtbarkeit ist der erste Schritt zu mehr Wertschöpfung im Handwerk.«
K&L-Magazin: Viele Endkunden vermuten, dass ein Kachelofen deutlich teurer ist als eine verputzte Feuerstätte. Ist das tatsächlich so?
Norbert Müller: Das ist ein weit verbreiteter Irrtum. Ein hochwertig ausgeführter, handwerklich gebauter Speicherofen mit Putzoberfläche ist oftmals gar nicht wesentlich günstiger als ein keramisch verkleideter Ofen. Die Preisunterschiede sind häufig kleiner, als viele denken. Gleichzeitig bietet die Keramik zahlreiche Vorteile: Sie ist pflegeleicht, dauerhaft schön, unempfindlich gegenüber Verschmutzungen und reduziert das Risiko von Rissbildungen in der Oberfläche. Diese Argumente sollten in der Beratung viel stärker kommuniziert werden.
K&L-Magazin: Welche Rolle spielen dabei moderne Produktsysteme?
Norbert Müller: Eine immer größere. Auch wir müssen heute in Systemen denken. Unsere Konzept-Speicheröfen sind dafür ein gutes Beispiel. Sie ermöglichen einen vergleichsweise geringen Planungsaufwand und bieten dennoch eine enorme Gestaltungsvielfalt. Viele Formen und sämtliche Glasuren stehen zur Verfügung, gleichzeitig bleibt jede Feuerstätte ein individuelles handwerkliches Projekt, das ausschließlich vor Ort durch den Ofenbauer entsteht.
K&L-Magazin: Sie haben darüber hinaus ganz neu auch den„Keramik-Accu“mit Trockenmontage entwickelt. Welche Idee steckt dahinter?
Norbert Müller: Wir beobachten seit Jahren, dass es immer weniger Fachkräfte gibt, die das klassische Setzen von Ofenkacheln beherrschen. Deshalb haben wir ein System entwickelt, bei dem die keramischen Elemente trocken montiert werden. Dadurch können auch Betriebe, die weniger Erfahrung mit dem traditionellen Kachelsetzen haben, hochwertige keramische Feuerstätten realisieren. Gleichzeitig profitieren sie von einer schnelleren und einfacheren Montage – ohne auf die gestalterischen Möglichkeiten in Sachen Glasurvielfalt der Keramik verzichten zu müssen.
K&L-Magazin:: Ist das aus Ihrer Sicht ein Modell für die Zukunft?
Norbert Müller: Das wäre denkbar. In vielen Bereichen des Ofenbaus hat sich der Übergang von der klassischen Bauweise hin zu intelligenten Montagesystemen längst etabliert. Warum sollte das bei der Ofenkeramik anders sein? Wichtig ist uns dabei allerdings, dass trotz des vereinfachten Aufbaus die komplette gestalterische Vielfalt erhalten bleibt.
K&L-Magazin: Welche Botschaft möchten Sie den Ofenbauern zum Schluss mitgeben?
Norbert Müller: Das Handwerk sollte das Thema Ofenkeramik wieder offensiver leben. Das beginnt bei der Beratung, setzt sich in der Planung fort und zeigt sich vor allem in einer modernen Ausstellung. Wer dem Kunden die Möglichkeiten der Keramik nicht präsentiert, wird sie auch nicht verkaufen. Dabei ist gerade der individuell gestaltete Kachelofen oder Kachelkamin eines der größten Alleinstellungsmerkmale unseres Handwerks. Kein industrielles Systemprodukt kann die gestalterische Freiheit, die handwerkliche Qualität und die Individualität eines echten Kachelofens ersetzen. Genau darin liegt eine große Chance für die Zukunft.
Eine ideale Gelegenheit, das Thema wieder stärker in den Fokus zu rücken, bieten aus meiner Sicht die Kachelofentage 2026. Sie sind die perfekte Plattform, um Endkunden zu zeigen, welche gestalterischen und technischen Möglichkeiten moderne Kachelöfen heute bieten. Vor allem aber bieten sie den Betrieben die Chance, ihr handwerkliches Können, ihre Kreativität und ihre Beratungskompetenz sichtbar zu machen. Je mehr Ofenbauer sich beteiligen und ihre Studios mit zeitgemäßen Kachelanlagen präsentieren, desto stärker wird die Wahrnehmung unseres Handwerks insgesamt. Die Kachelofentage sind deshalb weit mehr als eine Verkaufsaktion – sie sind eine gemeinsame Initiative, um die Stärken des Ofenbaus und der Ofenkeramik wieder stärker ins Bewusstsein der Verbraucher zu rücken und die Zukunft des Kachelofens aktiv mitzugestalten.
Foto: Gutbrod Keramik
Modern designter Kachelkamin mit Ofenkeramik im Trend der Zeit.
Foto: Gutbrod Keramik
Mit „Keramik-Accu“ die Ofenkachel in Systemen denken – auch hier bleibt jede Feuerstätte ein individuelles handwerkliches Projekt, das ausschließlich vor Ort durch den Ofenbauer entsteht.
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