Die Zeiten sind alles andere als einfach. Die multiplen Krisen wirken sich auf den Alltag der Menschen aus – und sie machen auch nicht vor den Toren von Unternehmen und Handwerksbetrieben Halt. Eine klare Positionierung hilft Führungskräften, ihre Teams gut durch die Wirren dieser Zeit zu führen. Was genau das bedeutet, erklärt Handwerks-Expertin Andrea Eigel.
Uns bläst der Wind gerade ganz schön hart ins Gesicht – so bringen es viele OL-Profis derzeit auf den Punkt. Eine Einschätzung, die viele Kolleginnen und Kollegen teilen, wie Andrea Eigel immer wieder hört. Sie leitet mehr als 20 Erfahrungsaustausch-Gruppen im Handwerk. Und sie weiß:„Die Krisen unserer Zeit verunsichern die Menschen.“
Selbst Betriebe im Umkreis, die über Jahrzehnte als sichere Bank galten, entlassen in großer Zahl Mitarbeiter.
Der Staat funktioniert nicht mehr so, wie wir das über Jahrzehnte gewöhnt waren.
Künstliche Intelligenz macht vielen Menschen Angst. Weil sie nicht wissen, was da noch alles kommt, und weil sie um ihren Job fürchten.
Politische Diskussionen sind ruppig und laut. Extreme prallen unversöhnlich aufeinander.
In der Weltwirtschaft verliert Deutschland zusehends an Boden.
„Die Leute werden immer schwieriger und aggressiver“, habe ein Unternehmer neulich zu ihr gesagt, berichtet die Handwerks-Expertin. Das gelte für Kunden genauso wie für die Mitarbeiter. Kein Wunder, denn:„Gefühlt geht es für viele Menschen derzeit nur bergab.“ Die Folgen sind Frust und eine zunehmende Ellbogenmentalität.„Das stellt die Führungskräfte in den Betrieben vor eine besonders anspruchsvolle Aufgabe: Sie müssen ihre Teams bei der Stange halten und ihre Leute täglich neu motivieren.“
Hilfreich: Klare Positionierung
Der Wandel hat praktisch alle Bereiche unseres Lebens erfasst – und das mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit. Diese Veränderungen gelte es zu managen.„Einer der wichtigsten Hebel hierfür heißt Positionierung“, ist Andrea Eigel überzeugt.„Mit anderen Worten: Eine Führungskraft darf sich nicht treiben lassen im Sturm, sie muss vielmehr klaren Kurs vorgeben.“
Und zwar in dreierlei Hinsicht.„Es geht zum einen um eine klare Positionierung nach innen – gegenüber den Mitarbeitern. Zum anderen ist es wichtiger denn je, sich nach außen, also den Kunden gegenüber so zu positionieren, dass Anspruch und Realität eine erkennbare Einheit bilden.“ Schließlich komme eine Führungskraft nicht umhin, gerade in diesen stürmischen Zeiten, für sich selbst ganz persönlich einen klaren Kurs zu fahren.
Eine Führungskraft darf sich nicht treiben lassen im Sturm, sie muss vielmehr klaren Kurs vorgeben.«
Positionierung nach innen heißt: Setzen Sie als Unternehmerin, Unternehmer oder Führungskraft Leitplanken – für alles, was im Unternehmen passiert. Denn wie sich die Mitarbeitenden während der Arbeit verhalten, das prägt den Ruf Ihres Unternehmens und – mindestens genauso wichtig – die Atmosphäre im Team. Was auch immer das Thema ist: Ihr Kurs, Ihre eigene Haltung muss klar sein. Außerdem:„Die Stimmung im Team ist entscheidend“, so Andrea Eigel,„ob es um die Außenwirkung geht oder die interne Arbeitsatmosphäre. Wenn sich jemand im Team nicht wohlfühlt, geht er oder Sie. Zumindest jedoch sinkt die Leistungsbereitschaft.“
Genau das steht auf dem Spiel, wenn es zu unguten Diskussionen im Betrieb kommt oder einzelne Mitarbeiter das Klima vergiften.„Eine Führungskraft muss hier eindeutig Stellung beziehen und problematischen Entwicklungen Einhalt gebieten.“
Innere Richtlinien als Grundlage
Die Leitplanken eines Unternehmens beruhen in der Regel auf definierten, offen kommunizierten und gelebten Werten wie Respekt oder Verlässlichkeit. Sie sind die nicht verhandelbaren inneren Richtlinien, nach denen Entscheidungen im Betrieb getroffen, Prioritäten gesetzt, Kunden und Kollegen behandelt werden.
Und sie sind eine verlässliche Grundlage, wenn es Konflikte zu klären gilt. Allerdings: Damit Werte wirken, müssen sie mit Leben gefüllt werden. Und es braucht eine Reaktion, wenn sie nicht eingehalten werden.„Wenn beispielsweise Respekt ein Wert des Unternehmens sein soll, und Mitarbeiter gehen aus irgendeinem Grund respektlos miteinander um, dann muss eine Führungskraft einschreiten.“
Wer in solchen Situationen nicht reagiert, büßt seine Führungsautorität ein. Die Folge: Wer die Regeln übertritt, verliert den Respekt vor der Führungskraft. Und die anderen verlieren das Vertrauen. Für Führungskräfte heißt das: Gerade in schwierigen Situationen gilt es wohlüberlegt, ruhig und klar zu handeln. Sprechen Sie das Verhalten, das den Werten Ihres Unternehmens entgegensteht, höflich aber unmissverständlich an und zeigen Sie die Auswirkungen auf das Unternehmen auf.„Machen Sie deutlich, dass es um mehr geht als darum, den persönlichen Ärger oder Frust loszuwerden.“
Gerade in Zeiten von Personalmangel sei es besonders ärgerlich, wenn jemand eine solch klare Ansage nicht verkraftet und geht, so Andrea Eigel.„Aber der Preis wird noch viel höher, wenn dieser Mensch in Ihrem Unternehmen weitermacht, Ihre Autorität untergräbt, Sie Spannungen im gesamten Team bekommen oder Ihr Image in der Öffentlichkeit leidet.“
Auf keinen Fall wegducken und hoffen, dass sich das von selbst erledigt. Das tut es nämlich so gut wie nie.«
Setzen Sie sich aktiv in Szene
Damit kommen wir zur Positionierung nach außen. Hier empfiehlt Andrea Eigel, die Stärken und Leistungen Ihres Unternehmens wieder verstärkt aktiv in Szene zu setzen, falls Sie es nicht schon tun. Denn nur wenn Sie sich gut sichtbar im Markt positionieren, nehmen die potenziellen Kunden, die noch für Nachfrage sorgen, Sie, Ihr Unternehmen und Ihre Stärken wahr.
Nutzen Sie dabei den Wandel im Informationsverhalten der Menschen für sich. So suchen Interessenten heute nicht mehr nur über Google oder ähnliche Suchmaschinen nach Anbietern, sondern auch mit Hilfe von KI – also via ChatGPT, Gemini oder Copilot.
Andrea Eigels Rat deshalb:„Überprüfen Sie die digitale Darstellung Ihres Unternehmens. Passen die Inhalte und Textlängen auf Ihrer Webseite noch? Haben Sie genug Backlinks, die auf Ihre Webseite verweisen? Und genug Bewertungen, um dem KI-Assistenten relevant genug zu erscheinen?“
Der Vereinzelung entgegenwirken
Besondere Aufmerksamkeit sollten Sie als Führungskraft Ihrer Positionierung als Person widmen. Das auf tiefenpsychologische Forschung spezialisierte rheingold institut hat 2025 im Auftrag der Düsseldorfer Identity Foundation eine Studie durchgeführt. Mit interessanten Ergebnissen:
87 Prozent der Befragten nehmen eine wachsende Trennung und Vereinzelung in der Gesellschaft wahr, die sie besorgt.
89 Prozent stimmen zu, dass unsere Gesellschaft gespalten und ein gemeinsames Wir-Gefühl verloren gegangen ist.
95 Prozent der Befragten stimmen zu, dass wir angesichts der weltpolitischen Lage wieder mehr Zusammenhalt in Deutschland brauchen.
77 Prozent wünschen sich mehr echte Gemeinschaftserlebnisse.
Die aktuelle Krise hat, wie sich hieran zeigt, offenbar die Sehnsucht nach einem verbindenden Miteinander verstärkt. Die Menschen spüren, dass sie ungeachtet aller Egoismen doch soziale Wesen sind und das Gefühl der Zugehörigkeit brauchen. Wer als Führungskraft diesem Bedürfnis entgegenkommt, pragmatisch und ohne„Stuhlkreis-Klimbim“, hat einen wichtigen Hebel, um Führung im besten Sinne erlebbar zu machen.
Schaffen Sie deshalb in Ihrem Unternehmen eine Atmosphäre, die Ihren Mitarbeitenden Gemeinschaftserlebnisse und Orientierung bieten kann. Seien Sie Vorbild und geben Sie eine übergeordnete gemeinsame Richtung vor, der alle im Rahmen ihrer Arbeit folgen können.„Es ist immer wieder faszinierend, welche Kraft einzelne Führungspersönlichkeiten entfalten können“, erklärt Andrea Eigel.
„Eine Führungskraft, die sich bewusst positioniert, authentisch und glaubwürdig, wird zu einem echten Orientierungspunkt. Nicht nur für die eigenen Mitarbeitenden, sondern auch für Kunden und das gesamte Umfeld. Und das ist in derheutigen Zeit schon sehr viel wert.“
Andrea Eigel
Klarheit und innere Ruhe
Frau Eigel, was macht eine gute Führungskraft in diesen wirren Zeiten aus?
Klarheit, innere Ruhe und Orientierung. Je rauer die See, desto wichtiger ist, dass die Kapitänin oder der Kapitän Ruhe und Übersicht bewahrt.
Was raten Sie einer Führungskraft, die sieht, dass sich einzelne Mitarbeiter daneben benehmen?
Auf keinen Fall wegducken und hoffen, dass sich das von selbst erledigt. Das tut es nämlich so gut wie nie. Hier hilft nur, das Problem ansprechen – höflich, aber bestimmt. Und Respekt gegenüber den Werten des Unternehmens einfordern.
Warum ist aus Ihrer Sicht eine klare Positionierung im Handwerk so wichtig?
Weil sie den Mitarbeitern in unsicheren Zeiten Halt gibt. Weil sie potenziellen Kunden Vertrauenswürdigkeit und Solidität signalisieren. Und weil sie hilft,„den Laden“ zusammenzuhalten.
Die Expertin
Andrea Eigel ist Diplom-Ökonomin und angesehene Expertin für das Handwerk im deutschsprachigen Raum. Sie arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Dozentin an der Dualen Hochschule sowie an diversen Akademien des Handwerks. Zudem bestreitet sie Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen für Handwerksorganisationen, Handwerksbetriebe und die handwerkszuliefernde Industrie. Der vorliegende Beitrag ist ein Auszug aus ihrem viel beachteten Vortrag zum Thema„Führen in stürmischen Zeiten“. Weitere Infos gibt es unter www.andreaeigel.de
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