Eine bequeme Behauptung – und warum sie so nicht stimmt.
In der Klima- und Energiepolitik hat sich in den vergangenen Jahren eine Erzählung verfestigt, die selten hinterfragt wird: Wälder gelten als verlässliche Kohlenstoffsenken. Diese Annahme ist tief in politische Strategien, Berichte und Verordnungen eingesickert – auf EU-Ebene etwa in der LULUCF-Regulierung, die Landnutzung und Forstwirtschaft explizit als Senkensektor in die Klimabilanz integriert, ebenso in deutschen Klimaschutzdokumenten, in denen der Wald implizit als negativer Emissionsposten geführt wird.
Das Problem ist nicht, dass Wälder Kohlenstoff speichern können. Das tun sie. Das Problem ist die Pauschalität, mit der daraus eine dauerhafte, stabile und verlässliche Senkenwirkung abgeleitet wird. Genau diese Vereinfachung hält einer fachlichen Überprüfung nicht stand.
Ein vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft geförderter und 2025 vorgelegter Schlussbericht aus Baden-Württemberg liefert hierfür eine belastbare fachliche Grundlage. Im Verbundvorhaben zur „Steigerung der Kohlenstoffsequestrierung in Waldböden durch gezieltes Totholzmanagement“ haben die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg und die Universität Freiburg über mehrere Jahre hinweg systematisch untersucht, wie sich Totholz auf Kohlenstoffvorräte und Kohlenstoffflüsse in Waldböden auswirkt. Grundlage waren umfangreiche Feldmessungen auf Vergleichs- und Intensivflächen, detaillierte Bodeninventuren sowie die Bilanzierung zentraler Kohlenstoffpfade, insbesondere von CO₂-Emissionen und gelöstem organischem Kohlenstoff. Die Ergebnisse zeigen klar: Der Wald ist kein automatisch wirkender Kohlenstoffspeicher, sondern ein dynamisches System, in dem Kohlenstoffbindung und Kohlenstofffreisetzung gleichzeitig ablaufen und je nach Standort sehr unterschiedlich ausfallen.
Der Bericht zeigt, dass im unmittelbaren Umfeld von liegendem Totholz im Oberboden messbar mehr organischer Kohlenstoff vorhanden ist. Die Gehalte in der Bodenfestphase liegen im Mittel etwa 10 bis 20 Prozent über denen von Kontrollflächen. Das bestätigt, dass Totholz lokal einen Beitrag zur Bodenkohlenstoffanreicherung leisten kann. Gleichzeitig weist die Studie jedoch ebenso klar nach, dass Totholz mit erhöhten Kohlenstoffverlusten einhergeht. Der dominierende Exportpfad ist CO₂. Je nach Standort lagen die CO₂-Flüsse unter Totholzeinfluss nur geringfügig, deutlich oder sogar mehr als doppelt so hoch wie auf Vergleichsflächen ohne Totholz. Der Austrag von gelöstem organischem Kohlenstoff spielt demgegenüber eine untergeordnete Rolle.
Entscheidend ist die starke Standortabhängigkeit der Prozesse. Einflussfaktoren wie Ausgangsgestein, pH-Wert, Baumart und mikroklimatische Bedingungen bestimmen, ob die zusätzliche Kohlenstoffbindung im Boden die erhöhten CO₂-Freisetzungen langfristig überwiegt oder nicht. Eine flächige Übertragung oder Regionalisierung dieser Effekte ist auf Basis der Daten ausdrücklich nicht möglich.
Damit widerspricht der Bericht einer zentralen Vereinfachung in der aktuellen Klimakommunikation. Wälder sind keine verlässlichen, dauerhaft wirkenden Kohlenstoffsenken. Sie können Kohlenstoff speichern, sie können ihn aber ebenso freisetzen – teils in erheblichem Umfang. Insbesondere unter den heutigen Bedingungen von Dürre, Waldschäden und großflächigem Umbau ist die Senkenleistung keineswegs garantiert.
Für die #ofenzukunft ist diese Erkenntnis zentral. Klimaschutz braucht belastbare Stoffstromanalysen und realistische Annahmen. Pauschale Gutschriften für „den Wald“ schaffen Scheinsicherheit in Klimabilanzen und verzerren die Debatte über Biomasse, Holznutzung und energiepolitische Optionen.