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/// Tulikivi

Vom Steinbruch ins Wohnzimmer

Wer Tulikivi sagt, denkt an Speckstein. Die Verbindung ist naheliegend, denn kaum ein anderer Feuerstättenhersteller hat seine Marke so konsequent mit diesem Naturmaterial verknüpft. Die Wurzeln reichen bis 1893 zurück, als in Helsinki die Finska Täljsten Ab gegründet wurde. Nach wechselvollen Jahrzehnten und zeitweisen Produktionsunterbrechungen übernahm Reijo Vauhkonen 1979 die Suomen Vuolukivi Oy; 1980 wurde die Produktion unter neuer Führung wieder aufgenommen. 1994 folgte schließlich die Umbenennung in Tulikivi Oy – übersetzt „Feuerstein“ – und die Börsennotierung. Im selben Jahr erhielt das Unternehmen nach eigenen Angaben als erster Steinverarbeiter eine ISO-9001-Qualitätszertifizierung für seinen Produktionsprozess.

Heute beschäftigt Tulikivi rund 175 Mitarbeiter und ist in etwa 30 Ländern aktiv. Neben Feuerstätten gehören Sauna sowie Produkte für den Innenausbau zum Geschäft. Und obwohl Tulikivi seit 1994 börsennotiert ist, hat sich das Unternehmen seinen familiären Charakter bewahrt: Mit Heikki Vauhkonen an der Spitze liegt die operative Führung weiterhin in den Händen der Familie. Damit verbindet Tulikivi die Strukturen einer Aktiengesellschaft mit der Kontinuität eines familiengeprägten Unternehmens.

Wärme aus dem Norden

Dass sich ausgerechnet in Finnland ein Unternehmen auf Speicheröfen spezialisiert hat, überrascht kaum. Lange und kalte Winter haben dort eine Heizkultur entstehen lassen, in der es nicht allein darum geht, einen Raum möglichst schnell warm zu bekommen. Entscheidend ist vielmehr, die beim Abbrand erzeugte Energie möglichst wirkungsvoll zu nutzen und über einen längeren Zeitraum verfügbar zu machen.

Bei Tulikivi kommt dazu ein zweiter Standortvorteil: die eigenen Specksteinvorkommen. Das Unternehmen selbst beschreibt seine Entstehung als Verbindung aus finnischer Erfahrung mit arktischen Bedingungen, Know-how bei der Holzheizung und den vorhandenen Specksteinressourcen. Damit beginnt die Wertschöpfung eines Tulikivi-Ofens tatsächlich lange bevor die erste Feuerraumtür montiert wird.

Speckstein ist für den Ofenbau vor allem aufgrund der Kombination seiner thermischen Eigenschaften interessant. Das eingesetzte Material besitzt nach Unternehmensangaben eine Dichte von 2.980 kg/m³, eine spezifische Wärmekapazität von 0,98 kJ/(kg·K) und eine Wärmeleitfähigkeit von 6,4 W/(m·K). Seine mineralische Zusammensetzung besteht hauptsächlich aus Talk und Magnesit.

Vereinfacht ausgedrückt: Viel Masse kann viel Energie aufnehmen. Zugleich sorgt die vergleichsweise hohe Wärmeleitfähigkeit dafür, dass die bei der Verbrennung entstehende Energie in die Speichermasse übertragen werden kann. Nach dem Abbrand wird diese Energie über einen längeren Zeitraum wieder an den Raum abgegeben. Genau dieses Prinzip bestimmt bis heute einen wesentlichen Teil des Tulikivi-Programms. Neben den klassischen Speckstein-Speicheröfen umfasst das aktuelle Feuerstättenportfolio z.B. die moderne und kompakte Jero-Kollektion. Hinzu kommen individuelle Sonderanfertigungen.

Am Anfang steht der Fels

Wer verstehen will, was einen Tulikivi-Ofen ausmacht, muss deshalb nicht in der Montagehalle anfangen, sondern im Steinbruch. Hier zeigt sich eine Besonderheit des Unternehmens: der wesentliche Teil des Rohstoffs stammt aus eigenen finnischen Vorkommen.

In Juuka befinden sich das zentrale Werk und zwei Steinbrüche. Dort werden Speicheröfen aus Speckstein, Specksteinplatten und Saunaprodukte gefertigt. Ein weiteres Werk mit Steinbruch betreibt Tulikivi in Suomussalmi, hinzu kommen Produktionsstandorte in Heinävesi und Espoo. Der Besuch im Steinbruch macht dabei Dimensionen sichtbar, die am fertigen Ofen kaum noch zu erahnen sind. Zunächst geht es um große, schwere Rohblöcke. Erst anschließend beginnt die Verwandlung in exakt definierte Bauteile. Nicht jeder Stein ist gleich, nicht jede Partie lässt sich für jeden Einsatzzweck verwenden. Struktur und Beschaffenheit des Naturmaterials müssen berücksichtigt werden, bevor aus dem Rohblock das spätere Ofenbauteil entstehen kann. Damit besitzt Tulikivi einen großen Teil seiner Wertschöpfungskette selbst: vom Rohstoff über dessen Bearbeitung bis zur fertigen Feuerstätte. Gerade in einer Industrie, in der Komponenten und Materialien häufig über weit verzweigte Lieferketten beschafft werden, ist das bemerkenswert.

Wer mit einem natürlichen Rohstoff arbeitet, muss die gesamte Wertschöpfung im Blick ­behalten – vom eigenen Steinbruch über die Verarbeitung bis zum fertigen Ofen. Dazu gehören für uns ein nach ISO 14001 zertifiziertes Umweltmanagement ebenso wie die Erfassung des CO₂-Fußabdrucks unserer Geschäftstätigkeit.«

Martti Purtola, Verkaufsleiter

Im Werk ändert sich das Bild. Aus dem Naturprodukt wird ein industriell bearbeitetes Bauteil. Sägen, Fräsen, Schleifen und weitere Bearbeitungsschritte bringen die zuvor massiven Blöcke auf die benötigten Maße und geben ihnen ihre spätere Oberflächenstruktur.

Hier zeigt sich auch, wie weit sich der Specksteinofen vom lange gepflegten Bild des massiven grauen Wärmespeichers entfernt hat. Unterschiedliche Bearbeitungsverfahren verändern Optik und Haptik des Materials erheblich. Glatte Flächen stehen neben strukturierten oder stärker aufgerauten Oberflächen. Das Spektrum reicht von klassisch glattem Speckstein bis zu mit Wasserstrahl bearbeiteten Strukturen.

Trotzdem bleibt der Stein kein bloßes Verkleidungsmaterial. Bei den eigentlichen Speicheröfen ist er Bestandteil des thermischen Konzepts. Das unterscheidet sie von Feuerstätten, bei denen Naturstein vor allem als äußere Verkleidung eingesetzt wird.

Die Wärme auf Umwege schicken

Wie viel Energie im Ofen bleibt und wie viel unmittelbar mit den Rauchgasen zum Schornstein gelangt, hängt wesentlich von der inneren Konstruktion ab. Bei den Tulikivi-Speicheröfen kommt dafür unter anderem das Gegenstromprinzip zum Einsatz. Die heißen Brenngase steigen zunächst aus dem Feuerraum nach oben und werden anschließend durch seitliche Kanäle geführt. Dabei wird Wärme an die umgebende Steinmasse übertragen. Bei schmaleren Modellen übernimmt ein spiralförmig geführter Kanal diese Aufgabe.

Das Ziel ist in beiden Fällen dasselbe: Ein möglichst großer Teil der beim Abbrand erzeugten Energie soll zunächst im Ofenkörper landen. Von dort gelangt die Wärme zeitversetzt in den Raum. Tulikivi setzt dabei auf einen hohen Anteil an Strahlungswärme, die nicht primär die vorbeiströmende Luft, sondern Oberflächen, Gegenstände und Personen im Raum erwärmt.

Damit folgt der Speicherofen einem anderen Heizrhythmus als der klassische Kaminofen. Statt über viele Stunden kontinuierlich Holz nachzulegen, wird in vergleichsweise kurzer Zeit Energie erzeugt, gespeichert und anschließend über die Speichermasse abgegeben.

Der Speicherofen wird kompakter

Allerdings haben sich die Anforderungen an Feuerstätten verändert. Moderne Gebäude benötigen weniger Heizleistung, Wohnflächen und Aufstellräume verändern sich und gleichzeitig erwarten Kunden eine großzügige Sicht auf das Feuer. Die Antwort darauf kann nicht allein darin bestehen, immer mehr Speichermasse ins Wohnzimmer zu stellen.

Wie Tulikivi darauf reagiert, zeigt die Jero-Serie. Sie soll die Eigenschaften eines Speicherofens mit deutlich kompakteren Abmessungen verbinden. Je nach Ausführung liegen die auf der deutschen Website angegebenen Gewichte aktuell zwischen rund 460 und 860 Kilogramm. Nach Herstellerangaben kann die gespeicherte Wärme noch bis zu 15 Stunden nach Erlöschen des Feuers abgegeben werden. Der Speckstein stammt auch für diese Modelle aus den eigenen Vorkommen in Nordkarelien. Damit wird zugleich deutlich, wohin sich der klassische Specksteinofen entwickelt: weg von der Vorstellung, dass Speicherwirkung zwangsläufig mit einer sehr großen, schweren Feuerstätte verbunden sein muss. Die thermische Masse bleibt entscheidend, wird aber stärker auf die Anforderungen heutiger Gebäude zugeschnitten.

Unsere Wurzeln ­liegen hier in Finnland und im Speckstein. Aber Tradition bedeutet für uns nicht, stehen zu bleiben. ­Unsere Aufgabe ist es, die besonderen Eigenschaften dieses Materials mit moderner Feuerungstechnik und den Anforderungen von heute zu verbinden.«

Heikki Vauhkonen, Vorstandsvorsitzender

Eine zweite Entwicklung zeigt die Karelia-Serie. Hier verbindet Tulikivi die Speichertechnik mit moderner Verbrennungstechnik und einer größeren gestalterischen Bandbreite. Verschiedene Modelle lassen sich mit Scheitholz oder Pellets betreiben. Hinzu kommt optional die Senso-Abbrandsteuerung. Sie erfasst unter anderem Temperaturen im Feuerraum, im Raum und in der Speichermasse. Auf dieser Basis regelt das System die Verbrennungsluft und informiert darüber, wann Brennstoff nachgelegt werden sollte beziehungsweise wann das vorgesehene Speicherniveau erreicht ist. Die Bedienung und Kontrolle kann über eine Mobilanwendung erfolgen.

Gerade dieser Punkt zeigt, dass sich auch ein auf einem jahrhundertealten Naturmaterial basierendes Heizprinzip weiterentwickeln lässt. Speichermasse und Strahlungswärme bleiben bestehen, Verbrennung und Bedienung werden dagegen zunehmend technisch unterstützt.

Vom grauen Block zum Gestaltungselement

Parallel dazu hat sich das Erscheinungsbild verändert. Große Sichtscheiben, schlankere Proportionen und unterschiedlich bearbeitete Oberflächen sollen den Speicherofen stärker als Bestandteil moderner Innenarchitektur positionieren. Bei Karelia sind abhängig vom Modell verschiedene Höhen, Türformate sowie Eck- und Durchsichtvarianten erhältlich.

Dabei kommt dem Naturstein eine besondere gestalterische Rolle zu. Maserung und Struktur unterscheiden sich von Stein zu Stein. Was bei einem industriellen Werkstoff als Abweichung gelten würde, gehört hier zum Charakter des Materials. Die Bearbeitung kann diese Unterschiede hervorheben, sie kann die Oberfläche ruhiger erscheinen lassen oder ihr eine deutlich stärkere Struktur geben. Daneben bleibt Tulikivi auch dem klassischen, schweren Specksteinofen treu. Die Classic-Kollektion umfasst Speicheröfen unterschiedlicher Größen, teils individuell planbar und teilweise mit Backofen.

Dass Tulikivi sein Know-how rund um Naturstein inzwischen breiter nutzt, wird beim Blick auf das Gesamtunternehmen deutlich. Neben Feuerstätten bilden Sauna und Innenausbau weitere Produktgruppen. Naturstein findet sich dort unter anderem bei Saunaöfen, Fliesen, Küchenarbeitsplatten oder anderen Oberflächen.

Für das Feuerstättengeschäft ist diese Diversifikation dennoch mehr als ein Nebenschauplatz. Sie zeigt, dass Tulikivi sich nicht ausschließlich als Ofenhersteller versteht, sondern seine Kompetenz in der Gewinnung und Verarbeitung von Naturstein auch in andere Bereiche überträgt.

Am Ende steht wieder der Stein

Nach dem Rundgang durch Steinbruch und Produktion erscheint der fertige Speicherofen im Ausstellungsraum jedenfalls mit anderen Augen. Seine glatten Flächen lassen kaum noch erkennen, wie viele Arbeitsschritte zwischen Felswand und Feuerstätte liegen. Und vielleicht beschreibt genau das Tulikivi am besten. Das Unternehmen hat sein Geschäftsmodell über Jahrzehnte modernisiert, Verbrennungstechnik weiterentwickelt, Produkte kompakter gemacht und elektronische Steuerungen ergänzt. Der Ausgangspunkt ist dennoch derselbe geblieben: ein finnisches Naturmaterial mit Eigenschaften, die sich für das Speichern von Wärme besonders eignen.

So führt der Weg tatsächlich „Vom Steinbruch ins Wohnzimmer“ – heute allerdings mit deutlich mehr Technik dazwischen, als es der fertige Ofen auf den ersten Blick vermuten lässt.

Im eigenen Steinbruch...

Foto: Jens Fischer

Im eigenen Steinbruch...
... wird der Speckstein abgebaut.

Foto: Tulikivi

... wird der Speckstein abgebaut.
Tonnenschwere Specksteinblöcke werden mit unterschiedlichen Sägen in kleinere Formate für die weitere Bearbeitung zugeschnitten.

Foto: Tulikivi

Tonnenschwere Specksteinblöcke werden mit unterschiedlichen Sägen in kleinere Formate für die weitere Bearbeitung zugeschnitten.
Erst im direkten Vergleich wird deutlich, welche Dimensionen die Steintrennsäge für die Bearbeitung der massiven Specksteinblöcke hat.

Foto: Jens Fischer

Erst im direkten Vergleich wird deutlich, welche Dimensionen die Steintrennsäge für die Bearbeitung der massiven Specksteinblöcke hat.
Auf Wunsch ist auch eine individuelle Planung und Bearbeitung eines Specksteinofens möglich.

Foto: Jens Fischer

Auf Wunsch ist auch eine individuelle Planung und Bearbeitung eines Specksteinofens möglich.
Maschinelle Bearbeitung der Bauteile für die Specksteinöfen.

Foto: Tulikivi

Maschinelle Bearbeitung der Bauteile für die Specksteinöfen.
Specksteinofen aus der Classic-Serie – typisch Tulikivi.

Foto: Tulikivi

Specksteinofen aus der Classic-Serie – typisch Tulikivi.
Kompakt und im modernen Design: die neue Jero-Serie.

Foto: Tulikivi

Kompakt und im modernen Design: die neue Jero-Serie.

LIVE Vor Ort

Vom Steinbruch ins Wohnzimmer! Martti Purtola, Heikki Vauhkonen und Torsten Metelmann (v.l.n.r.) erklärten K&L-Chefredakteur Jens Fischer in Finnland vor Ort, wie das genau funktioniert.

Foto: Jens Fischer

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